Die besten Fantasy-Bücher für jüngere Kinder

Mein Kind kommt langsam in das Alter, in dem Fantasy ein dominantes Buchgenre ist. In unserer Bibliothek gibt es eine ganze Sektion für “Middle Grade”-Bücher mit fantastischen Inhalten, angefangen natürlich mit Harry Potter, gefolgt von Woodwalkers, Warrior Cats und Co.1

Guten (Vor-)lesestoff gibt es zum Glück aber auch schon für jüngere Kinder zwischen 5 und 9 Jahren. Man muss ihn nur etwas länger suchen, sonst landet man immer wieder nur bei der Schule der magischen Tiere. 

Weil ich die Welt der Kinderliteratur nach wie vor mit meinem Kind entdecke, habe ich in diesem Blogeintrag drei Buchreihen und ein Einzelbuch neuerer Bauart zusammengestellt, die mir in den letzten Jahren am besten gefallen haben.

Wholesome und ideenreich: Lichterland

Eins der größten Probleme moderner Fantasy ist, dass es kaum noch neue Konzepte gibt. Oft trifft man doch nur auf alte Ideen in neuen Umgebungen oder Rekombinationen von Bekanntem. Carolin Jelden ist es in Lichterland gelungen, eine sich tatsächlich frisch anfühlende Welt zu erschaffen. Die Geschichten um die beiden Kinder Karla und Frederik, die gemeinsam Abenteuer erleben, die ihnen die Erwachsenen nicht zugetraut hätten, spielen in einem von hohen Bergen umgebenen Tal. Dieser Umstand führt dazu, dass sich viele Aspekte der Welt um Licht drehen, inklusive der magischen Kreaturen, die in Gegenden wie dem Glimmerwald und dem Blinkenden Moor hausen. Inhaltlich geht es wie meistens um Freundschaft, kluge Ideen und Zuversicht, aber Jelden findet auch gute Blicke auf Klassenunterschiede (Frederik ist ein Prinz) und Wiedergutmachung von alten Fehlern. Uneingeschränkt empfohlen!

Drei Bände: 1. Die Suche nach dem magischen Amulett, 2. Die Reise durch die magischen Berge, 3. Das Geheimnis des schlafenden Drachen. Außerdem gibt es ein illustriertes Bilderbuch, Das kleine Irgendwas, ab 3 Jahren.

Found Family im Bauwagen: Ein Herz für Monster

“Monster, vor dem alle Angst haben, stellt sich bei vorurteilsfreier Betrachtung als ganz nett heraus” ist auch nicht unbedingt eine neue Idee und ein oft wiederholtes Motiv in Kinderbüchern. Was Simak Büchel in seiner Ein Herz für Monster-Reihe hinzufügt, ist eine gute Konstellation an Monsterjäger:innen: Die achtjährige Ainu zieht mit ihrer Mutter in einem Bauwagen durch die Gegend und bietet fantastische Kammerjägerinnen-Dienste an – hat aber das titelgebende Herz (und Verständnis) für die zu jagenden Monster und sorgt dadurch dafür, dass die Bauwagen-Crew langsam immer größer wird. Neben einem kleinen Troll gesellt sich nach dem ersten Band auch der gerettete Junge Halti dazu und so entsteht im Laufe der Zeit eine kleine Wahlfamilie mit interessanten Dynamiken zwischen den Mitgliedern. Ich bin immer Fan von Büchern, die sich nicht nur trauen “starke Mädchen”, sondern auch “empathische Jungs” als Figuren zu etablieren und irgendwie hat Ein Herz für Monster auch mein Herz gewonnen.

Drei Bände: 1. Der Schattenschlinger, 2. Die fliegende Drachengrotte, 3. Tumult im Tal der Trolle.

Mutige Häsin ändert Gesellschaftsordnung: Hilda Hasenherz

Ich suche bei Kinderbüchern immer nach dem gewissen Etwas, das sie vom reichlich vorhandenen Durchschnitt unterscheidet. Bei Hilda Hasenherz von Tobias Goldfarb ist es die Tatsache, dass das Buch sich traut, die Frage “Wie wollen wir unsere Gesellschaft organisieren?” kindgerecht, aber ernsthaft anzugehen. Zwar besteht der Großteil des Buchs aus einer typischen “There, and Back Again”-Abenteuerreise, in der das Hasenmädchen Hilda aus ihrer Gefangenschaft ausbricht, immer mehr Freunde einsammelt und einen Bösewicht besiegt, aber entscheidend ist, warum sie es tut und was danach kommt: Der böse Baron von Ratzezahn lässt Horden von Hasen für sich Möhren ausbuddeln, weil er König anstelle des Königs werden will. Die Hasen – außer Hilda – haben sich diesem Schicksal ergeben. Als der Baron am Ende besiegt ist, wird aber nicht einfach Hildas Freund Prinz Lämpchen auf den Thron gesetzt, sondern die Hasen entscheiden gemeinsam, wie sie ihre Gesellschaft in Zukunft gerecht gestalten wollen. Das Motiv von Ausbeutung, Unterdrückung und der Frage, wie Gerechtigkeit aussieht, zieht sich durch alle Bände. Wer also mit seinem Kind irgendwann mal Gespräche darüber führen will, kann hier eine super Grundlage schaffen.

Vier Bände: 1. Das Abenteuer im Fuchswald, 2. Das Abenteuer auf der Adlerinsel, 3. Das Abenteuer am Drachenfels, 4. Das Abenteuer mit dem Sumpfungeheuer.

Alte Hexen lernen neue Tricks: Malu aus dem Hexenwald

Fantastische Romane, die in unserer Welt spielen, treten gerne in die Falle der “schlechten Nostalgie”, vor allem, wenn sie sich an Kinder richten: Sie idealisieren nicht nur die Unschuld der Kindheit als solche, sondern stellen gerne auch alle Entwicklungen der Moderne als tendenziell negativ dar und kontrastieren sie mit einer mythischen prämodernen Lebensweise, in der Magie die Bequemlichkeits-Lücke füllt. In Malu aus dem Hexenwald lebt die Junghexe Malu genau in einer solchen Welt, einem versteckten Hexendorf im tiefen Wald. Als sie Niklas kennenlernt, dessen Eltern sich im Wald verfahren haben, beschließt sie, die moderne Welt hinter dem Wald zu erkunden. Sie darf nur zurückkehren, wenn sie einen neuen Zauberspruch mitbringt. Der Clou: Dafür muss sie die alte und die neue Welt integrieren. Bettina Obrechts Buch baut diese Idee langsam auf und überrascht die Leser:innen mit der Umsetzung am Ende trotzdem. Nerviges Manko des Buchs: Niklas wird immer wieder überflüssigerweise als übergewichtig, weil zu viele Süßigkeiten essend, beschrieben. Wer vorliest, kann das einfach zensieren.

Bonus-Tipp: Das beste interaktive Buch über eine fantastische Stadt

Mein Kind hat Carp City: Die Stadt des Tanzenden Karpfens vor über einem halben Jahr geschenkt bekommen, und obwohl wir sehr regelmäßig darin lesen, sind wir noch immer nicht damit durch. Das polnische Autor:innen-Paar Aleksandra und Daniel Mizieliński hat hier wirklich etwas Außergewöhnliches geschaffen: Ein analoges Point-And-Click-Adventure, in dem man immer wieder zwischen den Wimmelbuch-ähnlichen Bildern des 50-seitigen Hauptbuchs und einem in Abschnitte gegliederten Geschichtenbuch hin- und herwechselt, Missionen erfüllt, Gegenstände sucht und bei Erfolg Sticker kleben kann. Die Fülle an Ideen, die in Carp Cities in dutzenden Mini-Geschichten sowohl auf der Text- wie auf der Bildebene stecken, ist wirklich bemerkenswert. Dass es nicht viel bekannter und mehrfach preisgekrönt ist, liegt sicher daran, dass es sich in seiner Verspieltheit vor allem an Kinder richtet. Ich würde es aber auch ohne mit der Wimper zu zucken jedem Erwachsenen mit einem Hang zu interaktiver Fiktion empfehlen. Es ist ein gigantischer Spaß!

  1. Warrior Cats und Woodwalkers werden beide in Staffeln veröffentlicht, wie ich gesehen habe. Das hat mich in ein ganz eigenes Remediations-Rabbithole geführt. ↩︎

Die Coziness progressiver Utopien ist nur bedingt hilfreich

Der Umbruch von spätsommerlichen Sonnentagen zur Herbstkälte, die einem in alle Knochen zieht, war schnell, aber hart. Was ist also besser, als sich die nächsten drei Monate zuhause einzumummeln, sämtliche Krisen der Welt und des Privaten auszusperren und irgendwo in einer Fantasiewelt einen Buchladen zu eröffnen oder anderen entspannten Tätigkeiten nachzugehen. 

Die Spielebranche hat dieses Bedürfnis längst erkannt. Auf der jüngsten Spielemesse SPIEL in Essen waren “Cozy Games” ein großer Trend. Bei Videospielen sind sie schon länger ein beliebtes Marketing-Label. In einem Bericht zur SPIEL habe ich auch über ein Rollenspiel gelesen, dass “Leisure Fantasy” verspricht: “Es geht um die Entdeckung der Welt, um Geister, Rätsel und ein umfangreiches Tränkebrau-System in einem Grafikstil, der durchaus deutlich an Filme von Studio Ghibli erinnert.”

Welterkundungs-Spiele, bei denen man sich nicht die ganze Zeit kloppen muss, finde ich eigentlich eine super Idee. Aber “Coziness” als Konzept macht mir trotzdem ein wenig Angst.

Zufälligerweise habe ich gerade ein Buch gelesen, das auch schon öfter das Etikett “Cozy” verpasst bekommen hat: Becky Chambers’ Monk and Robot – streng genommen zwei Novellen, A Psalm for the Wild-Built und A Prayer for the Crown-Shy, die in einem Band zusammengefasst sind, aber sie schließen direkt aneinander an und könnten wirklich auch zwei Teile eines Romans sein. Seit Chambers Ehrengast bei der diesjährigen MetropolCon war, wollte ich etwas von ihr lesen, aber von Monk and Robot war ich nur mäßig begeistert.

Buchcover von "Monk and Robot"
Habe ich sogar auf Papier gelesen

Die Geschichte spielt in einer Welt namens Panga, die vor etwa zweihundert Jahren eine Wende zu einem nachhaltigeren Wirtschafts- und Gesellschaftssystem geschafft hat. Auslöser: Die in den Fabriken arbeitenden Roboter erlangten ein Bewusstsein und entschieden gemeinsam, die Menschheit zu verlassen und sich in die Wildnis zurückzuziehen. 

Tee ausschenken > Gärtnern

Der Plot von Monk and Robot beginnt damit, dass Dex, ein Mönch, merkt, dass dey mit seinem aktuellen Job als Dachgärtner in der Stadt nicht mehr zufrieden ist. Dex braucht eine Pause, und beginnt eine neue Aufgabe als herumreisende, Tee ausschenkende Seelsorgeperson – doch nach knapp zwei Jahren gibt dem auch diese Aufgabe nichts mehr und dey entscheidet sich, ein verfallenes Einsiedlergebäude in der Wildnis suchen zu gehen. 

Auf seinem Weg abseits der vertrauten Pfade trifft Dex auf Mosscap, einen Roboter auf der Mission, wieder vorsichtig Kontakt mit den Menschen aufzunehmen. Die beiden führen Gespräche über den Sinn des Lebens und das Drumherum, sind füreinander da und kehren dann in die Zivilisation zurück. Im zweiten Band reist Dex mit Mosscap durch die verschiedenen Habitate seiner Welt – am Ende merken die beiden noch einmal, wie gut sie einander tun, und dass sie am liebsten Zeit nur zu zweit verbringen.

Es gibt keinen externen Konflikt in Monk and Robot. Der größte Konflikt findet in Dex selbst statt – der vertraute Struggle des modernen Menschen, nicht gut zu Selbstmitgefühl in der Lage zu sein, ohne sich schuldig zu fühlen. In diesen inneren Widerstreit fühlt Chambers sich gut ein und auch die Freundschaftsgeschichte von Dex und Mosscap ist schön und mit viel Humor erzählt.

Von der Gesellschaft, die Chambers um diese Geschichte heraumbaut, war ich allerdings einigermaßen entsetzt, und sie ist ein entscheidender Faktor dafür, dass das Buch als “cozy” wahrgenommen wird. Als die Menschen von Panga die Roboter ziehen lassen, nahmen sie das anscheinend zum Anlass, auch gleich alles andere so zu reformieren, dass am Ende eine Art progressive Utopie übrig geblieben ist. Es ist nicht das erste Mal, dass ich dieser Utopie begegnet bin, aber so prononciert wie bei Chambers habe ich sie noch nie erlebt:

  • Die Energieversorgung ist vollständig auf nachhaltige Quellen umgestellt (daher werden die Bücher auch oft bei “Solarpunk” eingruppiert). 
  • Gebaut wird aus nachhaltigen Baustoffen, besonders beliebt sind Pilz/Myzel-Strukturen – Häuser werden nicht gebaut, sondern wachsen und sind natürlich überall begrünt.
  • Über Gender-Binarität denkt niemand mehr nach. Mindestens ein Charakter ist nichtbinär (in Monk and Robot ist es die Hauptfigur Dex), dafür ist aber Sexpositivität weit verbreitet und Menschen haben als Consenting Adults sehr guten, entspannten nicht-heteronormativen Sex miteinander
  • Der Kapitalismus ist überwunden und durch ein gesellschaftsweites Tausch-System von Waren und Dienstleistungen ersetzt worden. In Monk and Robot “bezahlen” Personen sich gegenseitig mit “Pebs”, einer Art imaginärer Wertschätzungs-Währung, die man aber auch nicht zwingend braucht, um zu überleben.
  • Dogmatische Religionen sind einer vage vom Buddhismus inspirierten Spiritualität gewichen, die vor allem Gemeinschaft, die Goldene Regel, Seelsorge und den Kreislauf aller Dinge würdigt. In Monk and Robot gibt es ein sechsköpfiges Pantheon und Dex ist Elev:in von Allalae, der Gottheit der “kleinen Freuden” (“small comforts”).

Es ist nicht so, dass ich diese Merkmale schlecht finde. Ich würde jede einzelne davon sofort umsetzen, wenn ich die Wahl hätte, und zumindest bei den ersten drei bin ich auch recht zuversichtlich, dass sie noch geschehen werden. Was ich jedoch nicht glaube, was aber in Monk and Robot (und ähnlichen Settings wie Annalee Newitz’ The Terraformers) anscheinend Teil der Vision ist: Dass solche gesellschaftlichen Verschiebungen dazu führen würden, dass automatisch alle Menschen nur noch nett zueinander sind und froh sind, sich endlich einer neuen Genügsamkeit hinzugeben.

Ich glaube erstens nicht, dass Menschen wirklich so sind. Selbst wenn man sie zweihundert Jahre lang von Kapitalismus und religiösen Schuldgefühlen reinwaschen könnte, dürften sie alle auch nach wie vor gelegentlich Gier, Egoismus, Neid, Bitterkeit und Bosheit empfinden. Wer sich regelmäßig in progressiven Zirkeln bewegt, weiß, dass dort zwar sehr viel Wert auf Rücksichtnahme und Wertschätzung gelegt wird, aber trotzdem ständig gestritten wird, zum Beispiel darüber, welche Rücksichtnahme gerade wichtiger ist.

Recht auf Unglücklichsein

Ich musste nach Ende des Buchs öfter an Aldous Huxleys Brave New World denken, in dem die Menschen genetisch so gezüchtet und behavioristisch so abgerichtet werden, dass sie die ihnen in der Gesellschaft zugedachte Rolle ganz ohne Zwang super finden. Die Outsiderfigur aus einem Reservat für “Wilde”, die diese Ordnung durcheinander bringt, plädiert am Ende im Gespräch mit dem obersten Kontrolleur dieser Gesellschaft für ein “Recht auf Unglücklichsein”.

In Brave New World geht es dabei vor allem um freien Willen, aber in Monk and Robot hatte ich ein ähnliches Gefühl: das Recht auf eine unperfekte Gesellschaft vielleicht, in der nicht jedes Problem mit Nettigkeit gelöst wird und nicht jede Verletzung weggelächelt werden kann. Dex spürt das, aber es gelingt dem bis zum Schluss nicht, es wirklich zu benennen. Vielleicht schlummert in Becky Chambers noch ein dritter Roman, in der Dex der ganzen Gesellschaft mal den Spiegel vorhält und die Risse in der scheinbar perfekten Welt sichtbar macht.

Jeder hat seinen eigenen Eskapismus. Ich kann verstehen, dass Menschen das Bedürfnis haben, die Welt, in der wir leben, gelegentlich auszusperren und sich an einen Ort zu träumen, an dem alle großen Probleme gelöst sind. In der all die Dinge, die sie für selbstverständlich halten, und mit denen sie ständig anecken, einfach mal kein Thema sind. Und vermutlich muss ich an dieser Stelle auch kurz erwähnen, dass ich mir meiner Privilegien bewusst bin, dass ich diese Kämpfe im Alltag sehr selten kämpfen muss. Es wundert mich trotzdem, dass sie sie eine so extreme Version, wie sie vor allem im zweiten Teil von Monk and Robot geschildert wird, nicht sehr schnell langweilig und steril finden. Und dass weder Autor:innen noch Leser:innen davon ausgehen, dass die Menschheit nicht stante pede neue Probleme finden würde, wenn sie alte gelöst hätte.

Kein Sedativum

Ich bevorzuge, wie ich in diesem Blog schon diverse Male geschildert habe, für meinen persönlichen Eskapismus Geschichten über Menschen, die nicht schon in der Utopie leben, sondern an diese gerade trotz der sie umgebenden Widrigkeit glauben. Das ging mir schon in der Pandemie so – eines Geschichte über Leute, die tolle Dinge taten, obwohl um sie herum Covid wütete, gab mir tausend Mal mehr, als jedes zuckersüße Tiervideo (damals noch nicht KI-generiert). Ich will kein Sedativum. Ich will Mut.

Deswegen mag ich das Genre so, das Isabella Herrmann als “Anti-Dystopie” bezeichnet hat, und das anderswo schon “Hopepunk” genannt wurde: Aiki Miras Proxi schildert eine Welt, in der Gender ebenfalls fluid ist und Gesellschaften aus den Trümmern neu entstehen, ähnlich wie in Emily St. John Mandels Station Eleven. Ursula K. LeGuins The Disposessed erzählt eine “realistische” Version eines gemeinwohlorientierten Gesellschaftssystems, scheut aber nicht davor zurück, auch unangenehme Aspekte zu benennen. Octavia Butlers Parable of the Sower zeigt, wie Solidarität aus Überzeugung aussehen kann, hat aber dennoch komplexe Charaktere, mit denen man als Leser auch ringt.

Wenn die Dystopie wirklich vor den Türen steht (ich bin da, wie berichtet, unsicher), dann weiß ich nicht, ob uns als Gegenmittel Utopien weiterhelfen, für deren Existenz wir die menschliche Natur ausblenden müssen. Als kurze Atempause, meinetwegen. Aber dann bitte wieder mit echten Menschen interagieren.

Unsortierte Gedanken #13: Karthatische Dystopien

Nachdem ich immer wieder Hinweise aus verschiedenen Ecken darauf bekommen habe, habe ich vor kurzem die Miniserie Station Eleven (2021) nach dem gleichnamigen Roman von Emily St. John Mandel nachgeholt (gibt es in Deutschland auf Paramount+). Meine Partnerin hat zufälligerweise zur gleichen Zeit das Buch gelesen, so dass wir auch ein bisschen abgleichen konnten, was Showrunner Patrick Somerville in der Adaption geändert hat – es ist nämlich nicht wenig.

Die Kernfrage beider Fassungen aber ist gleich, und ich war sehr froh darum, weil ich selbst immer wieder darauf herumdenke: Wenn die Apokalypse einmal überstanden ist, wie werden zukünftige Generationen, die nur das “danach” kennen, über ihre Eltern und Großeltern denken? In Station Eleven geht es stark darum, ob es sich lohnt, Vergangenes zu bewahren, oder ob man die Vergangenheit vollständig abstreifen sollte. Faszinierend fand ich auch die Überlegungen, welche kulturellen Artefakte in einer postapokalyptischen Welt Bedeutung haben werden – jetzt schon kanonische wie die Stücke Shakespeares, aber auch zufällige wie ein selbst publiziertes Comic mit einer Auflage von 3.

Große Teile der Menschheit haben im 20. Jahrhundert eine Art von Apokalypse mit dem Zweiten Weltkrieg, dem Holocaust und den Atombombenabwürfen auf Japan erlebt. Die letzten Menschen, die diese Zeit noch erlebt haben, sterben gerade. Das Vergessen der Schrecken von damals und des Gefühls, dass sie sich nicht wiederholen sollten, greift um sich, und die Folgen davon sind überall sichtbar. Durch den Klimawandel steuern wir fast unweigerlich auf eine nächste Apokalypse zu. Welche Fragen werden unsere Nachfahren an uns richten?

***

Und wo wir gerade bei Apokalypsen sind, muss ich selbstverständlich mal wieder auf Ada Palmer zu sprechen kommen. Die hat für ihr Sachbuch Inventing the Renaissance (das ich noch nicht gelesen habe) einen Hugo Award, den wichtigsten amerikanischen Phantastik-Preis, bekommen und in ihrer Dankesrede mal wieder auf ihre Vision von “Hopepunk” Bezug genommen. Besonders prägnant fand ich aber, was sie vorher formuliert: Dass die Aussicht auf Apokalypse auch etwas Entlastendes für die geplagte Menschheit hat, und dass diese Apokalypse vielleicht genau deswegen auch immer wieder beschworen wird:

Our present is saturate with crises, and it’s tempting to enjoy apocalyptic fantasies where the world ends and these problems go away, or cathartic dystopias which defeat regimes worse than our present. The end of the world is relaxing, relieving the exhausting burden of building the future.

Ada Palmer

Ich komme regelmäßig auf diesen Gedanken zurück: Dass die Menschheit, besonders die, die von apokalyptischen Religionen wie dem Christentum geprägt ist, auch immer wieder gerne mit dem Weltuntergang flirtet, weil er dieses sexy Versprechen enthält, alle unsere komplexen Probleme auf einen Schlag zu lösen. Für die Überlebenden hält er dann eine vermeintlich einfachere, “karthatische”, wie Palmer schreibt, Tabula Rasa bereit – sehr verführerisch. Das ist auch nichts Neues. Menschen beschwören das Ende der Welt in schöner Regelmäßigkeit mit einer Mischung aus Angst und wohligem Schaudern herauf.

Daran muss ich dieser Tage auch immer wieder denken, wenn von KI-Funktionären vor den potenziell katastrophalen Folgen ihrer Technikentwicklung gewarnt wird. Ich selbst weiß nicht genug, um diese Warnungen endgültig zu bewerten. Menschen, deren Meinung ich vertraue, argumentieren in beide Richtungen. Aber ich kann nicht verhindern, dass ich mir auch vorstelle, wie die KI-Forscher:innen dieser Welt dasitzen und denken “Wouldn’t it be nice?” Nice, wenn die Erde, wie sie jetzt ist, eine KI-Apokalypse erleiden und mich von meiner Verantwortung befreien würde, und ich außerdem einer der wenigen wäre, der wüsste was passiert.

***

Nicht apokalyptisch, aber sehr karthatisch ist Alanis Morissettes Song Uninvited. Geschrieben hat sie ihn für City of Angels (1998), das US-Remake von Der Himmel über Berlin, und der Text bezieht sich wohl auch auf die Perspektive der weiblichen Hauptfigur, in die sich ein Engel verliebt. Ich habe ihn aber immer auch als eine allgemein sehr starke Beschreibung des Erlebens von Frauen gelesen, die von mächtigen oder berühmten Männern umgarnt werden – die konfuse Mischung aus “sich geschmeichelt fühlen” und “das unangenehme Machtgefälle spüren”, die im Rahmen von #MeToo immer wieder thematisiert wurde. Gut denkbar, dass Morissette hier auch Erfahrungen als junge Künstlerin im Musikbusiness verarbeitet hat.

Wie dem auch sei, Brandi Carlile, die einen der besten Songs darüber geschrieben hat, wie es ist, frisch Eltern zu sein, und Joni Mitchell zu einem überraschenden Bühnen-Comeback verholfen hat, hat Uninvited vor kurzem live gecovert. Carliles Version unterscheidet sich gar nicht stark von Morisettes, aber sie ist trotzdem großartig und eventuell wirklich noch ein bisschen karthatischer als das Original. Den Song gibt es auf vielfachen Wunsch jetzt auch auf allen Streamingdiensten, und inzwischen haben sie ihn auch schon zusammen gespielt.

***

Ein letzter Hinweis: Diesen Donnerstag (17. September) startet Coyote vs Acme in den deutschen Kinos, ein Film, der einen jetzt schon legendären Sorgerechtsstreit hinter sich hat. Für mich hat der Film eine besondere Bedeutung, weil er auch der aktuellste Credit meines Studienfreundes Carsten ist, der anders als ich während des Filmwissenschaftsstudiums Bock auf Praxis bekommen hat und vor bald 20 Jahren nach Hollywood gezogen ist. Carsten hat Coyote vs Acme geschnitten – also wenn jemand, der das hier liest, in den nächsten Wochen ins Kino gehen sollte, bitte ich darum, einmal extralaut zu jubeln, wenn sein Name im Abspann läuft.

Foto von Mylène Haudebourg auf Unsplash

Unsortierte Gedanken #12: Drei Facetten von Immersion

In der taz ist am 1. August ein Text von mir erschienen, in dem ich beschreibe und reflektiere, wie ich angefangen habe, mit meinem Kind gemeinsam zu larpen. Wir machen das beim Verein Spektakulus in Niedersachsen, der LARPs speziell für Kinder anbietet, in denen die Erwachsenen die NSCs sind. Im Artikel geht es also auch darum, was diese Fokus-Verschiebung mit den Erwachsenen macht.

Der Artikel steht als Meilenstein eines längeren Prozesses, in dem ich neu angefangen habe, mich wieder in (Live-)Rollenspiele einzudenken, und der im letzten Frühjahr begonnen hat, wie man im Blog nachlesen kann. Ich habe regelmäßig die Zeitschrift LARPzeit gelesen sowie ein paar Grundsatztexte, die mir das LLM empfohlen hat, und ich habe den exzellenten Podcast Spielend Subversiv von Lena Falkenhagen und Marina Weisband gehört, der LARP-Themen auf hohem Niveau bespricht.

Der ursprüngliche Kerngedanke des Artikels im Gespräch mit meinem Redakteur war: Hier machen Erwachsene etwas gemeinsam mit Kindern, in dem Kinder normalerweise besser sind – nämlich das, was im Englischen “pretend play” heißt, also “so tun als ob”. In meinem Fall trifft das, wie auch im Artikel steht, zu hundert Prozent zu. Mein Kind versinkt im Charakter, ich schaue uns beiden von außen zu. Obwohl ich lange Theater gespielt habe, larpe seit ich 16 bin und mich regelmäßig mit immersiven Medien wie VR beschäftige, bin ich selbst überhaupt nicht gut darin, mich in etwas zu verlieren. 

Zum Glück habe ich bei Spielend Subversiv gelernt, dass Immersion auch nur für einen Teil der Larper:innen tatsächlich das Ziel ist und zum Beispiel Lena Falkenhagen auch keine immersive Spielerin ist. Sie verfolgt stattdessen das Ziel, die Immersion möglichst für andere zu schaffen. Ich fahre Anfang September das nächste Mal auf ein LARP und gehe auf jeden Fall mit einem ganzen Rucksack voll neuer Ideen und Ansätze rein, die ich hoffentlich zum Teil auch umsetzen kann.

Übrigens ist der taz-Text insgesamt erfreulich gut angekommen. So gut sogar, dass ich eingeladen worden bin, zum Thema LARP am 28. August in Hildesheim beim Reporter Slam teilzunehmen. Ich bin sehr gespannt und hoffe, ich kann was Gutes draus machen.

***

In meinem Urlaub ist es mir nach vielen Jahren endlich gelungen, die Phantastische Bibliothek in Wetzlar zu besuchen. Dort lagern über 330.000 Bücher aus den Bereichen Fantasy, Science-Fiction und Horror sowie angrenzenden Genres, die man auch fast alle ausleihen kann. Ich wurde sehr freundlich begrüßt, bekam direkt am Tresen eine kleine Einführung und konnte mir dann eine knappe Stunde selbst den Bestand anschauen.

Ich kämpfe ein wenig damit, in Worte zu fassen, was mich an der Phantastischen Bibliothek so fasziniert. Die Bibliothek als solche ist in der Phantastik traditionell ein aufgeladener Ort. Selbstverständlich schreiben Autor:innen gerne mit Verve über die Orte, die ihnen vermutlich selbst einmal sehr wichtig waren. Ich denke sofort an die Bibliothek von Babel bei Jorge Luis Borges, an die Bibliothek und den Bibliothekar der Unseen University bei Terry Pratchett, die Stadt der Träumenden Bücher von Walter Moers, aber auch an die endlosen virtuellen Bibliotheken und Datensammlungen aus der Science-Fiction. Alles irgendwie mythische Orte, an denen nichts so ist, wie es scheint; wo große Geheimnisse und Abenteuer schlummern.

In gewisser Weise ist die Phantastische Bibliothek natürlich so ein Ort. Wer im richtigen Alter ist, findet hier einen nicht enden wollenden Schatz an Geschichten und Abzweigungen zu neuen Geschichten. Aber sie ist gleichzeitig auch einfach eine städtische Bibliothek, in der es ein bisschen muffig riecht, und in der viele ausgeblichene Taschenbücher aus den 90ern stehen, die auf mich heute einen etwas wunderlichen Eindruck machen, weil sie auch im Cover-Design nicht so schrecklich gut gealtert sind.

Ich musste erneut an Die unendliche Geschichte denken, die etwa zur gleichen Zeit entstanden ist wie die Phantastische Bibliothek, und die für mich den zentralen Widerspruch der Phantastik auch aus meiner Kindheit abbildet: Phantásien, die Welt aus der Unendlichen Geschichte ist ein wunderbarer Ort, an dem alles möglich ist und die kuriosesten Dinge passieren. Aber er ist das Fantasiegebilde eines nerdigen Jungen, der auf einer staubigen Turnmatte im schlecht beleuchteten Speicher seiner Schule liegt und liest. Die wichtigen Orte der Phantastik enthalten zu einem gewissen Grad immer beides. Wären sie nur perfekt immersive Erlebnisse wie Disneyland, würde ihnen etwas fehlen: die Menschen, die dahinter stehen und die sich die ganzen phantastischen Welten erst ausdenken.

Noch mehr Bilder auf Instagram

***

Regelmäßige Leser:innen meiner Blogs wissen um meine komplizierte Beziehung zu elektronischer Musik. Während ich als Tween sehr gerne Eurodance gehört und generell noch ein Gefühl von “Techno als Musik der Zukunft” gepflegt habe, wurde ich Ende der 90er zeitweilig zum Rockisten und verpasste somit genau die Zeit, in der ich jung und ausdauernd auf Techno-Partys hätte gehen können. Über die Jahre jedoch ist mein Interesse an Techno und seinen diversen Genres wieder erwacht – weil ich in Berlin lebe, weil ich Bücher gelesen habe, weil ich einige Leute kenne, die mit Clubkultur groß geworden sind oder sogar selbst auflegen.

Musik ist immer der eine Space gewesen, in dem mir das “sich selbst verlieren” tatsächlich gelingt. Ich habe mich selten so frei von störenden Gedanken gefühlt, wie am Schlagzeug, beim gemeinsamen Spielen mit anderen. Und das ist es auch, was mich immer am meisten an Techno und Clubkultur fasziniert hat: das Ziel, tanzen zu gehen weniger um gezielt Songs zu hören und sich dazu zu bewegen, sondern um hypnotisiert zu werden und sich selbst im stetigen Wummern der Bässe und im Wogen der Körper zu vergessen.

Vor kurzem habe ich mir ein Herz gefasst und bin endlich mal ordentlich auf eine Technoparty gegangen (es gab verschiedene Versuche vorher, über die ich besser den Mantel des Schweigens breite). Über eine Anzeige war ich auf die Reihe “Feiern wie früher … nur früher” gestoßen, die sich gezielt an ein älteres Publikum richtet, das keinen Bock mehr hat, erst um 1 Uhr den Club zu betreten. Die Party im Berliner Lokschuppen ging von 16 bis 22 Uhr. Das erschien mir übersichtlich.

Ich hatte nicht ganz damit gerechnet, dass die gesamte Veranstaltung einen so starken 90er-Vibe haben würde. Vor allem die Musikauswahl mit hoher BPM-Zahl und sägenden Synthies roch schwer nach Love Parade 1999. Das Publikum war vielfach noch älter als ich und größtenteils entspannt, mit Ausnahme von zwei immer betrunkener werdenden Männern, die allen auf die Nerven gingen. Ich war schwer beeindruckt von den DJ-Künsten von Anna Reusch, deren Set von Anfang an enorme Energie aufbaute und perfekte Dramaturgie lieferte. Dass sie unironisch das zum Meme gewordene “Sandstorm” von Darude spielen konnte und dafür beglücktes Johlen aus dem Publikum erntete, hat mich besonders gefreut.

Mir ist klar, dass ausgerechnet diese Party wohl kaum als Prototyp für heutige Clubkultur taugt, aber ich war doch von einigen Dingen überrascht. Etwa, dass die versammelte Gästeschar sich auf das DJ-Pult ausgerichtet tanzte und jeden Drop gemeinsam aufbaute und feierte, wie bei einem Konzert. Eine Entwicklung der letzten 20 Jahre, wie mir Eingeweihte verraten haben.

Das Schönste war aber, dass es tatsächlich geklappt hat, mich wie erhofft in Musik und Bewegung zu verlieren. Nicht von Anfang an, nicht durchgängig und nicht mit Plan, logischerweise. Aber zeitweise. Und das war dann doch ziemlich cool. Bis dann der Gedanke “Merk dir diesen Moment!” wieder dazwischenschoss. Danke auch, Hirn.

MetropolCon: SF-Fandom und unterschiedliche Zugänge zu Literatur

Am 4. Juli war ich zum ersten Mal auf einer Science-Fiction-Convention. Die MetropolCon fand nach 2023 zum zweiten Mal hier in Berlin statt und bot vier Tage lang Talks, Stände und Gemeinschaft im Silent Green Kulturquartier. Ich hatte leider nur einen Tag Zeit vorbeizuschauen.

Was ich vorher nicht wusste: Die MetropolCon war diesmal auch gleichzeitig die EuroCon, also die Dach-Convention der Europäischen Science-Fiction-Society, die jedes Jahr in einer anderen europäischen Stadt stattfindet – nächstes Jahr zum Beispiel in Lissabon. Das Publikum war entsprechend international, viele Talks waren auf Englisch und – wenn ich das aus Gesprächen korrekt abgeleitet habe – alles war ein bisschen größer als beim letzten Mal.

Der Besuch der MetropolCon hat bei mir einige Gedanken in Gang gesetzt, die ich laut nachdenkend in diesem Post versuchen will zu ordnen. Sie berühren Themen, um die ich seit vielen Jahren kreise, die mit Fandom, Subkulturen und Gemeinschaften, aber auch mit Phantastik allgemein, meinem Leben und seinen Einflüssen und meinem immer wieder formulierten persönlichen Anspruch an das Sprechen und Schreiben über Kultur zu tun haben.

Die organisierte Szene

Ich habe sie immer wieder aus dem Augenwinkel wahrgenommen, aber nie im Detail erforscht: Das, was ich die “organisierte” Phantastik-Szene in Deutschland nenne. Darunter verstehe ich das lose Konglomerat aus Clubs (wie dem Science-Fiction-Club Deutschland), Zeitschriften (wobei ich Nautilus zu Printzeiten lange und Geek! auch eine Weile gelesen (und beobachtet) habe), Preisen (wie dem Seraph und dem Kurd-Laßwitz-Preis), Bestenlisten, Kleinverlagen und eben Conventions – Cons – in dem sich Phantastik-Fans bewegen können, die sich explizit auch so nennen möchten. Für mich hat diese Szene merkwürdigerweise immer wenig Zugänglichkeit und viel Spießigkeit und  “Vereinsmeierei” ausgestrahlt, ein eher altmodisches Bild von Phantastik (das ich in Deutschland vor allem mit Perry Rhodan verknüpfe) und das typische Gatekeeping, das Nerds ja traditionell gerne betreiben.

Ich kann nicht sagen, ob dieses Gefühl jemals berechtigt war – es ist mindestens 20 Jahre alt – und sich einfach viel verändert hat, weil die gesamte Phantastik-Szene offener, queerer und progressiver geworden ist, oder ob es immer schon ein typisches Vorurteil ward. Auf der MetropolCon hat es sich jedenfalls nicht bestätigt. Auch wenn man für die Con keine Tickets sondern nur “Memberships” kaufen konnte und die “Institutionen” der Szene alle mit Ständen oder Panels vertreten waren – sämtliche Leute, die ich angesprochen habe, waren offen, freundlich und für Gespräche zu haben. 

Traditionen

Geduldig haben Sie mir alles erklärt, was die Szene eben doch noch an Traditionen pflegt: WorldCons gibt es seit 1939 (!!!), EuroCons seit 1972. Die “Members” der Cons wählen teilweise selbst, wo die nächsten Austragungsorte sein sollen. Seinen Support für bestimmte Ideen und Conventions zeigt man mit Badge Ribbons. Zeitschriften wie Phantastisch! und Exodus sind nach wie vor wichtiger Publikationsort für Kurzgeschichten, wobei mir eine Person am Exodus-Stand verriet, dass in der Szene das alte Bonmot gelte, es gäbe mehr Autor:innen als Leser:innen.

In dieser Aussage liegt eine wichtige Wahrheit verborgen, die ich auf der MetropolCon auch live beobachten konnte: Autor:innen sind hier nicht nur Gäste, sondern (wenn sie möchten) auch selbstverständlicher Teil der Community. Überhaupt gehört es fast zur Normalität, dass man viele Hüte aufhat, gleichzeitig Fan und Autor:in, Verleger:in und Con-Organisator:in ist. Die Szene lebt von Leidenschaft und Engagement. Ehrengästin Becky Chambers mag in einem Moment auf der Bühne sitzen und zu ihren Bestsellern interviewt werden. Sie rauscht aber danach nicht ab, sondern sitzt beim nächsten Panel selbst im Publikum. Eigentlich ist es gar nicht so viel anders, als auf einer re:publica. Aber es ist eben wie jede Szene eine Subkultur mit eigenen Codes, kollektiven Erinnerungen und Legenden, an denen man erst richtig teilhaben kann, wenn man länger dabei ist.

Ein gemeinschaftlicher Zugang

Dennoch ergibt sich aus genau der Struktur und Geschichte der Szene meiner Ansicht nach ein Zugang zu Literatur und Kultur, den ich interessant finde, aber zu dem ich wahrscheinlich immer eine gewisse Distanz haben werde. Es ist, soweit ich das herauspuzzeln konnte, ein sehr gemeinschaftlicher Zugang, der von viel Spezialwissen lebt.

Mir bekannt waren vorher grundsätzlich drei Zugänge: Erstens der akademische Zugang, der sich bemüht, in seiner Auseinandersetzung neue Erkenntnisse zu Tage zu fördern, neue Ideen zu entwickeln, meistens basierend auf anderen Ideen, die andere Akademiker:innen zuvor hatten. Meist ist es ein sehr enger, aber dafür tiefer Zugang.

Zweitens der journalistische und/oder feuilletonistisch-kritische Zugang. Weniger tief, für ein Publikum geschrieben, das im Zweifelsfall nicht viel Vorwissen mitbringt, aber dafür mit weitem Blick auf den Zeitgeist und andere Trends, die gerade in der Luft liegen. Es dürfte keine Überraschung sein, dass dies mein Lieblingszugang ist, wobei ich gute akademische Texte als Grundlage dafür auch sehr schätze.

Drittens der Fan-Zugang, wie ich ihn bisher kannte, und wie man ihn vor allem bei großen Medien-Franchises antrifft. Dieser Zugang ist leider eng mit dem Kapitalismus verknüpft, woraus eine Spannung aus Passivität (Ich muss nehmen, was ich bekomme) und Anspruchsdenken (Ich habe ein Recht auf meine Wunschversion) entsteht. Natürlich muss das nicht so sein – es gibt eine große transformative Fan-Szene von Cosplay bis Fanfic – aber der Konflikt ist im Machtungleichgewicht der Produzent:innen und Konsument:innen prinzipiell angelegt.

Erlaubt ist, was sich richtig anfühlt

Was aber, wenn – wie beschrieben – Produzent:innen und Konsument:innen von vornherein gar nicht so viel unterscheidet? Wenn sich beide zumindest vage in den gleichen Netzwerkstrukturen bewegen, die außerdem noch historisch immer abseits des Mainstreams gestanden haben. Dann entsteht ein weiterer Zugang, der vor allem im Austausch von persönlichen Eindrücken entsteht. Es gibt keine strenge externe Instanz (akademische Disziplin, Medium, IP-Halter), die über die Qualität des Zugangs wacht. Erlaubt ist, was sich richtig anfühlt. Und richtig fühlt sich an, was mit dem größten Teil des eigenen Vorwissens und dem Wissen der Gemeinschaft resoniert.

Positiv bedeutet das, dass man sich genauso tief in ein Thema eingraben und Erstaunliches zutage fördern kann wie jemand, der sich akademisch damit auseinandersetzt. Oder dass man eine eklektische Mischung aus Interessen einbringen kann, um sich einen ganz neuen Zugang zu einem Thema zu suchen. Oder dass man sein Feld von vielen verschiedenen Seiten kennenlernt – als Leser:in genauso wie als Autor:in oder Verleger:in.

Auf der anderen Seite heißt es aber auch, dass es wenig Kontrolle gibt. Dass es keinen Standard an Vorwissen oder Fähigkeit gibt, den man erfüllen muss, um mitzumachen. Oder sogar: dass die enge Verflechtung und das Engagement der Szene dazu führt, dass man im Zweifelsfall lieber unkritischer ist, weil man niemanden verprellen möchte. Es geht weniger darum, Urteile zu fällen, als einen gemeinsamen, partizipativen Gesprächsraum zu eröffnen.

Terror and Wonder

Ein Panel hat mir das auf der MetropolCon deutlich gezeigt. Bei “Terror and wonder – Michael Ende’s The Neverending Story” saßen vier Personen auf der Bühne, die alle – wie ich – große Fans von Michael Endes wegweisendem Roman sind. Ich hatte mir neue Erkenntnisse und Perspektiven versprochen, aber die vier hatten sich kaum vorbereitet, sie hatten keine Ideen dabei, die sie einbringen wollten und hatten sich auch nicht mit der Geschichte der Entstehung des Buchs beschäftigt. Die Begeisterung und Liebe für das Werk war ihnen genug. Und tatsächlich entstand auch gerade im Austausch mit dem Publikum am Ende eine wohlige Wertschätzungs-Session, die vor allem durch die internationale Zusammensetzung eine besondere Qualität hatte.

Nun mag dieses Panel ein extremer Ausreißer gewesen sein. Ich war ja wirklich nur einen Tag da. Aber ich meine, auch in einigen anderen Talks eine ähnliche Mischung aus Leidenschaft und Selbstvergessenheit wahrgenommen zu haben, wie sie einfach typisch für Amateure (nicht Laien!) ist. Manchmal konnte ich mich davon mitnehmen und tragen lassen, manchmal wünschte sich mein Journalistenherz mehr Struktur und Ordnung. Am wertvollsten fand ich die Con dort, wo sie nicht nur in der reinen Innenperspektive blieb, sondern eine Außenperspektive hinzukam. Etwa im Panel “Quo Vadis, Cyberpunk: Sind wir schon da?” in dem die Medientheorie-Professorin Jiré Gözen zwei Autor:innen, Tom Hillenbrand und Svenja Knisel, interviewte. Nicht wenige Fans sind sowieso Fans und Wissenschaftler:innen, genau wie Henry Jenkins (“Aca-Fan”), dessen Geist ohnehin über diesem Text schwebt.

Beobachter-Teilnehmer

Und damit stehe ich nach sehr viel geschriebenen Zeichen eigentlich wieder am Anfang des Textes. Ich merke, dass ich ganz persönlich, wie so oft bei diesem Thema, innerlich gespalten bin. Einerseits wäre ich gerne länger geblieben und hätte das Gesamtgefühl einfach mehr genossen. Andererseits bleibe ich auch diesmal wieder lieber in der Rolle des Beobachter-Teilnehmers, der aus dem Zirkel hinein- und hinaustreten kann, wie er möchte.

Auf jeden Fall aber werde ich dieser Szene noch eine Weile nachspüren. Vielleicht auf Cons, auf jeden Fall aber bei Lesungen im Otherland und nächste Woche endlich mal in der Phantastischen Bibliothek Wetzlar.

Ich fand dieses Podcast-Gespräch mit Con-Chefin Claudia Rapp als Hintergrund ergänzend sehr interessant.

Unsortierte Gedanken #11: The Odyssey, Universes Within, Was haben wir gelacht

Natürlich habe ich auch Christopher Nolans The Odyssey gesehen und einige Gedanken dazu gehabt. Ich habe auch viel mit Freundinnen und Freunden darüber geschnackt – mehrere haben mich auch direkt nach meiner Meinung gefragt. Interessant finde ich: Nachdem der Film vor dem Start so sehr wegen seiner angeblichen “Wokeness” (eine schwarze Helena, ein Soldat, der von einem trans Mann gespielt wird) diskutiert wurde, kommt der Wind in meiner Bubble jetzt aus der entgegengesetzten Richtung. Gerade mit Frauen habe ich vor allem darüber gesprochen, ob der Film auch für sie Identifikationsfiguren bereithält. Catherine Shoard hat für den Guardian auch einen pointierten Text über diese Frage geschrieben (h/t Sonja).

Die kurze Antwort lautet: Nein. Die Frauen in The Odyssey sind keine schwachen oder herabgesetzten Charaktere, aber viel zu tun haben sie auch nicht. Und auch sonst ist The Odyssey in vielerlei Hinsicht ein Christopher-Nolan-Film, wie er im Buche steht. Er tut klüger als er ist und übertüncht mit seinen Schauwerten eine eher banale und nicht nuanciert verhandelte Botschaft (irgendwas zwischen “Krieg ist schlimm” und “Sittenverrrohung ist aller Laster Anfang”). Er ist vergleichsweise humorlos, besitzt kaum Erotik und könnte, Elliot Page zum Trotz, angesichts des Stoffs deutlich queerer sein. (epd film hat Nolans Marotten in einer Reihe von Vignetten diesen Monat gut aufbereitet.)

Nolan-Filme zerfallen für mich in zwei Lager: Die, in denen seine technokratische Herangehensweise für mich funktioniert (Memento, Inception, Dunkirk, The Prestige), und die, in denen sie mich abstößt oder langweilt (The Dark Knight, Oppenheimer, Interstellar, TENET). Entscheidend ist meistens, ob es irgendetwas Übergeordnetes gibt, das mich trotzdem für den Film gewinnt.

In The Odyssey ist das der Fall: Ich mag, wie Nolan mit der mythologischen Dimension des Stoffs umgeht. Wie konsequent er zeigt: Die Welten der Götter und der Menschen sind nicht vergleichbar und wir Menschen können nur erahnen, was außerhalb unserer Vorstellungskraft existiert. Alles Übersinnliche im Film – Zyklop, Magie, Sirenen, Scylla, Schweineverwandlungsmagie – wird durch Schnitte und Kamera so präsentiert, dass man es fast nur aus dem Augenwinkel wahrnimmt. Kein Fantasy-Film, eher ein Horrorfilm. Ein Film darüber, wie klein wir Menschen uns im Angesicht der ungeheuren Welt fühlen sollten.

Diese Idee und ihre visuelle Umsetzung hat mich begeistert. Der unbedingte Wille Nolans, für eine große Zahl bekannter Motive neue Bilder zu finden, querliegend zur großen Diorama-Ausstellung handelsüblicher CGI-Monsterschlachten im Genre. Im Kino hatte ich deswegen einfach eine richtig gute Zeit. Die letzte Stunde des Films, in der es um die Heimkehr nach Ithaka, die Vertreibung der Werber und “Xenia für Dummies” geht, war mir dann aber wieder viel zu lang. In diesem Fall bin ich allerdings bereit, zu verzeihen. Bei Oppenheimer war ich das nicht.

***

Die größte Diskussion der letzten Jahre in meinem Lieblingsspiel Magic: The Gathering dreht sich darum, dass die Firma Wizards of the Coast nach über 30 Jahren Spielhistorie angefangen hat, Crossovers mit externen Intellectual Properties zu produzieren. Magic als Sammelkartenspiel lebt von seinem immer neuen Input, inzwischen erscheinen etwa sechsmal im Jahr neue Kartensets. Die Crossover-Welle mit dem Namen “Universes Beyond” fing harmlos mit Sets zu Dungeons and Dragons und The Lord of the Rings an, die beide nahtlos an Magics übliche High-Fantasy-Welt anschlossen, ging aber weiter unter anderem mit dem Marvel Universe, Avatar: The Last Airbender und Teenage Mutant Ninja Turtles. Ende dieses Jahres erscheint ein Star-Trek-Set.

Viele Magic-Fans sehen darin eine Pervertierung ihres geliebten Spiels und boykottieren die Universes-Beyond-Sets, die im Wechsel mit klassischen Magic-Sets erscheinen. Andererseits lässt sich nicht leugnen, dass die Crossovers jede Menge neue Fans an Land spülen, die wegen des ihnen Bekannten kommen und anschließend bleiben. Ich selbst bin relativ agnostisch. Manche Sets waren besser, andere weniger gut. Über Tolkien habe ich mich selbstverständlich gefreut, die Turtles waren eine prägende IP meiner Kindheit und Avatar habe ich durch Magic erst richtig entdeckt und schaue jetzt begeistert die Serie mit meinem Kind. Aber es gibt mir keinen besonderen Kick, Charaktere, die ich kenne, auf Magic-Karten zu sehen. Ich hätte nichts dagegen, wenn Magic die Universes-Beyond-Kooperationen wieder beenden würde.

Dass es aber doch einen Unterschied gibt, habe ich dieses Wochenende gemerkt. Auf einer Magic-Convention in Amsterdam wurde das Programm für das kommende Jahr vorgestellt, allerdings zunächst nur die Sets, die nicht Universes Beyond sind. Die Spieler erwartet eine Unterwasser-Welt, ein Mechas-vs-Monster-Setting und eine Afro-Fantasy-Welt. Zum ersten Mal seit Jahren habe ich wieder Vorfreude gespürt, die mit früher vergleichbar war. 

Es ist etwas Besonderes, dass Magic seit 33 Jahren eine Geschichte fortschreibt und ein Multiversum baut, das immer vielfältiger und interessanter wird – auch wenn es gelegentlich an den gleichen Complexity-Creep-Problemen leidet wie lange laufende Comicserien. Als in Amsterdam die “Universes Within”-Sets angekündigt wurden, entstanden in meinem Kopf nicht Gedanken wie “Ich hoffe, das wird erträglich” oder “Ich bin gespannt, wie sie X ins Spiel übersetzen” sondern einfach “Was lassen sie sich dafür wohl Tolles einfallen” und “Ich will wissen, wie die Story weitergeht”. Es war angenehm, nicht parallel das Rumpeln des Hyperkapitalismus zu hören, der einen mit den immer gleichen Marken in neuen Gewändern zuscheißt. Es war angenehm, sich nicht zu den Crossovers verhalten zu müssen, sondern sich einfach auf Neues und Kreatives zu freuen. Das hat mir mehr zu denken gegeben, als ich erwartet hätte.

***

In der neuen Ausgabe von LÄUFT geht es um den Dokumentarfilm Was haben wir gelacht, der jetzt im Kino ist und sicher vor Ende des Jahres auch noch im Fernsehen laufen wird. Er ist ein sehr gutes Stück Medienreflexion über die Unterhaltungssendungen der 1990er Jahren und das gruselige Frauenbild, das damals noch als normal galt – auch bei mir. Mit Co-Regisseurin Eva Müller habe ich genau über diese Erinnerung an damals und über die Machart des Films gesprochen. War eins meiner liebsten Interviews bisher dieses Jahr, deswegen empfehle ich es ohne Einschränkungen.

Außerdem in der genannten Folge: Ein kleines Kritik-Feature zum Hörspiel Hologrammatica vom Deutschlandfunk nach dem Roman von Tom Hillenbrand. Ich habe das Team des Hörspiels auch auf der MetropolCon getroffen, über die ich demnächst hier noch ausführlicher schreiben will. Eine längere Kritik zu Hologrammatica habe ich auch für epd medien geschrieben, ebenso Texte zum ARTE-YouTube-Format Warum? und zum KI-Game Promptables des SWR.

Foto von Constantinos Kollias auf Unsplash

Rant: Unnötige Hostifizierung in Podcasts

Liebe Podcastredaktionen des ÖRR,

bitte entscheidet euch, ob ihr mit euren Podcast-Hosts persönlich motivierte Geschichten erzählen wollt oder nicht. Beides ist gut und gleich wertvoll. Aber hört auf mit peinlicher “Hostifizierung”.*

Ich hatte schon nach einer Folge Wem gehört Wacken? wieder keine Lust mehr. Es ist voll okay, dass dieses Projekt von einem großen Team recherchiert und umgesetzt wurde. Eine Host kann trotzdem die Erzählerin sein. Sie kann auch persönliche Eindrücke und Bewertungen schildern, aber sie muss mir nicht zwischendurch erzählen, dass sie 1990 (beim ersten Wacken-Festvial) vier Jahre alt war und einen gelben Plastikhund liebte. Das trägt nichts zur Geschichte bei. Sie darf auch bei einem vermeintlich launigen Thema einfach Journalistin sein.

Ein ähnliches Erlebnis hatte ich Anfang des Jahres mit dem Podcast zu “Bibi”. Egal wie viele persönliche Details die Host eingestreut hat, es klang trotzdem nicht wie “ihr” Podcast. Dazu fehlte die ehrlich erzählte Motivation. (Und eigentlich immer, wenn ich dieses Gefühl habe, blicke ich in die Credits und sehe: Host und Autor:in sind nicht die gleiche Person.)

Positive Gegenbeispiele: In Wolf of Cannabis wusste ich nach kurzer Zeit sehr genau, wer mir diese Geschichte erzählt und warum, ganz ohne dass die Journalistin mir irgendwas über ihre Jugend erzählen musste. In Gabalier hat mir die Journalistin etwas über ihre Jugend erzählt, aber es war auch relevant für die Gesamtsituation und Haltung, die den Podcast trägt.

Der Unterschied ist eigentlich nicht schwierig. Podcasts können alles sein. Man muss sie nicht auf eine bestimmte Art gestalten, nur weil man das halt so macht. Viel wichtiger ist, dass sie in sich stimmig sind. Entweder ihr gebt den Hosts die Freiheit, persönliche Geschichten zu erzählen, oder ihr lasst es!

Ende der Seifenkistenrede.

(Ich habe bewusst keine Namen genannt. Es geht mir nicht darum, Menschen zu kritisieren, sondern ein System. Und genauso bewusst sind alle vier Hosts Frauen – positive wie negative Beispiele haben nichts mit dem Geschlecht der hostenden Person zu tun.)

(Zuerst auf LinkedIn veröffentlicht)

* Erstaunlicherweise habe ich dieses Wort in einem Vortrag über ein Projekt gelernt, das ich eigentlich mehrfach als Positivbeispiel hervorgehoben habe, OBSESSED – Döner Papers. Host Aylin Doğan spricht im Podcast darüber, dass sie auch Passagen, die sie nicht selbst geschrieben hat, “hostifizieren” – also auf sich selbst zuschneiden – musste. Diese Art von Arbeitsteilung beim Schreiben geht, irgendwie. Auch beim Podcast Werner Herzog waren nicht alle Folgen von Host Max Ostenstätter geschrieben. Aber sowohl die Döner Papers als auch Herzog waren in ihrer Gesamkonstruktion trotzdem als persönliche Geschichten aufgebaut – als eigene Faszinationen, denen die Hosts nachgehen. Das macht für mich den Unterschied.

Unsortierte Gedanken #10: Partys, Künstler, Zukunftsfragen

Der Podcast Search Engine hat mich schon auf kuriose Arten inspiriert. Die Doppelfolge “Why didn’t Chris and Dan get into Berghain?” ist fast alleine dafür verantwortlich, dass ich seit zwei Jahren wieder elektronische Musik höre. Die jüngere Folge über Atomkraft hat mich zumindest schwer zum Nachdenken gebracht.

Und auch die neueste Episode ist wieder wirklich gut. “Why doesn’t anybody come to my Parties?” fragt die Substack-Autorin Claire Haber-Harris den Host PJ Vogt. Er fragt in ihrem Umfeld nach, und bei dem, was er herausfindet, geht es am Ende darum, wieviel man von sich selbst preisgeben will, welche “Version” seiner selbst man anderen präsentieren möchte und sollte. Aber es geht auch darum, was eine gute Party ausmacht.

Mich hat das alles sehr angesprochen. Ich liebe Partys und ich vermisse sie. Ich war nie ein perfekter Gastgeber im Sinne von “Viele kleine tolle Details und an jeden ist gedacht”, aber ich habe immer gerne die Leute aus meinen weitverzweigten Bekanntenkreisen an einem Ort bei Getränken und Musik zusammengebracht. Aber ähnlich wie die Protagonistin im Podcast kam dann irgendwann der Double-Whammy aus Kind und Corona, der dazu geführt hat, dass ich nach 2018 keine Party mehr gefeiert habe. (Das Titelbild war das Motiv der “Letzten Party ohne Kind” – dass seitdem Zeit vergangen ist, erkenne ich auch daran, dass ich Alkohol heute sicher nicht mehr so in den Vordergrund rücken würde.)

Letztes Jahr habe ich versucht, meinen 42. Geburtstag groß zu feiern, musste das Park-Picknick aber wegen schlechten Wetters absagen. Dieses Jahr habe ich eigentlich schon aufgegeben. Ich habe den Eindruck, dass eh kaum noch jemand feiert. Der Double Whammy hat viele Leute in meinem Alter getroffen. Wenn man dann dazu noch weder in WGs noch in Einfamilienhäusern wohnt, weiß man oft gar nicht, wo man feiern soll. Und geredet wird dann auch oft nur noch über die eigenen Kinder, die man parallel die ganze Zeit im Auge haben muss.

Können mir Leute, die älter sind als ich, sagen, wann das wieder besser wird? Wann es wieder mehr Gelegenheiten gibt, interessante fremde Menschen kennenzulernen und dabei selbst zu entscheiden wie sehr man den Regler zwischen “Normie” und “Nerd” hin- und herdrehen will?

(Ergänzung: Mark Rosewater über Erfahrungen mit guten Partys. “Ein klarer Endpunkt” ist mir am meisten hängengeblieben.)

***

Das Interview, das Anna Sale in Death, Sex and Money mit der Autorin und Regisseurin Erica Schmidt und ihrem Ehemann, Schauspieler Peter Dinklage, führt, ist insgesamt sehr hörenswert und irgendwie wholesome. Noch viel besser fand ich aber drei Sätze, den Sale in ihrer Anmoderation sagt:

Sometimes when you’re an artist, you see things that other people don’t see. Sometimes that can make you feel like you’re on your own, like you don’t quite fit. (…) It can be lonely.

Ich habe mich selbst nie als Künstler begriffen, kenne aber Menschen, die ich so einordnen würde. “Dinge sehen, die andere nicht sehen” ist eine erstaunlich gute Definition von künstlerischer Sensibilität. Dass es genau dieses Merkmal ist, was einen manchmal zum Außenseiter machen kann, passt für mich sehr gut.

***

Vor ein paar Tagen habe ich im Blog von Johannes Kuhn zum Thema Verzweiflung und “Boomer Realism” kommentiert und dabei (mal wieder) auf Ada Palmer verwiesen, die Historikerin, deren SF-Romane mich in den letzten Jahren schwer beeindruckt haben. Interessanterweise hat Palmer einen Tag später zusammen mit dem “Solutions Journalist” Angus Hervey einen neuen Podcast exakt zu diesem Thema gestartet. Er heißt A Short History of Saving The World.

Ich bin kein übermäßiger Fan von “Lasst uns mal auf die guten Sachen konzentrieren”, was Herveys Ding zu sein scheint, aber ich mag Palmers weit ausgezoomten Blick auf Menschheitsgeschichte, der oft darauf hinweist, dass Phänomene nicht neu sind, aber dennoch differenziert genug ist, um es dabei nicht zu belassen. Die erste Folge der Podcasts ist noch nicht sehr fokussiert, enthält aber schon viele interessante Punkte über die Dauer von Informationsrevolutionen und menschliche Anpassungsfähigkeit. Ich bin gespannt, ob es in der Zukunft noch zu stärkeren Diskussionen kommt, werde die Stunde pro Monat aber auf jeden Fall investieren.

Das Slate Culture Gabfest nimmt Abschied – aber wie!

Mir ist ein bisschen das Herz in die Hose gerutscht, als ich die Nachricht gehört habe. Der Podcast Slate’s Culture Gabfest stellt nach 18 Jahren seinen Sendebetrieb ein. Einen richtigen Grund hat Host Steven Metcalf nicht genannt, aber ich vermute, dass es viel damit zu tun hat, dass Co-Host Julia Turner bereits seit mehreren Jahren nicht mehr in New York lebt und nach Stationen bei der L.A. Times und der Annenberg School of Journalsm nun ein eigenes Online-Magazin gegründet hat und schlicht keine Zeit mehr hat, drei Kulturthemen pro Woche zu recherchieren.

18 Jahre sind eine verdammt lange Zeit. Mir fallen nicht viele Podcasts ein, die so lange in gleicher Besetzung und mit gleichem Format durchhalten. Ich schätze, dass ich ca. 2011 auf das Gabfest gestoßen bin, vermutlich über die dritte Co-Host Dana Stevens, die Filmkritikerin von Slate, deren Kritiken ich immer schon sehr geschätzt habe.

Ich fand das Format des Gabfest immer perfekt: Drei kluge Menschen, zu denen ich inzwischen eine tiefe parasoziale Beziehung habe, sprechen jede Woche über drei kulturelle Themen. Klug aber humorvoll, nicht nur im “Daumen hoch/Daumen runter”-Modus, aber auch nicht in erschöpfender Tiefe – also auch dann interessant, wenn man sden Film/die Serie/das Phänomen noch nicht selbst erlebt hat. Pop Culture Happy Hour von NPR war anfangs ähnlich angelegt, wenn auch etwas oberflächlicher, und hat im Gegensatz zum Gabfest irgendwann sein Format auf einen täglichen Podcast geändert – womit ich dann auch ausgestiegen bin.

Beide Sendungen stammen aus einer Zeit, in der es solche Podcasts in Deutschland noch nicht gab. Deswegen waren sie für mich das große Vorbild für den Podcast Kulturindustrie, den ich 2017 mit Lucas Barwenczik, Sascha Brittner und Mihaela Sartori gestartet habe. Mein (etwas verkrampfter) Anspruch war damals, dass Kulturindustrie das deutsche Gabfest wird. Das haben wir natürlich nicht geschafft, obwohl wir schon recht erfolgreich waren. Aber auch wir haben Ende 2023 aufgehört, weil ein bisschen die Luft raus war.

Dieses Ende haben wir nicht vorher angekündigt. Ich habe irgendwann eine kurze Folge aufgenommen, in der ich eine Abschiedsbotschaft verlesen habe. Das erschien uns allen am saubersten – andere Podcasts hören einfach auf ohne jemals Bescheid zu sagen.1

Umso genialer finde ich, was das Culture Gabfest gerade macht. Es feiert seinen Abschied mit einer gigantischen Ehrenrunde. Die Folgen sind extralang. Jede Woche kommen besonders liebgewonnene Gäste noch einmal vorbei. Schmerz und Erleichterung stehen gleichberechtigt nebeneinander und werden gemeinsam zelebriert. So und nicht anders sollte man nach 18 Jahren von der Bühne gehen. Farewell, Julia, Steve and Dana! Ihr werdet mir fehlen!

Wie soll ich diese Lücke in meinem Podcast-Plan füllen? Sollte ich das überhaupt? Ich hätte gerne ein nicht-tägliches Format, das mir einen Überblick über aktuelle kulturelle Themen liefert. Was denken die Lesenden hier? Zur Auswahl stünde zum Beispiel Critics At Large, das ähnliche Format des New Yorker. Ich finde auch Las Culturistas von Weitem ganz interessant. In Deutschland gibt es Die sogenannte Gegenwart von der Zeit, aber ich fürchte mich ein bisschen vor deutschem Feuilleton, um ehrlich zu sein. Habt ihr noch Tipps? Oder muss ich am Ende selbst wieder ran?2

  1. Zum Beispiel mein liebstes Kulturpodcast-Format jüngerer Zeit, Kulturschock mit Hendrik Bolz. Ich habe Bolz über den MDR im April für ein Interview in LÄUFT angefragt. Damals hieß es, er habe keine Zeit. Inzwischen frage ich mich: Wusste man damals schon, dass das Format nach einer Handvoll Folgen sang- und klanglos wieder verschwinden würde? ↩︎
  2. Einen solchen Podcast zu produzieren sind ca. zwei volle Tage Arbeit pro Folge. Man muss sich auf mehrere Themen einigen, die gut zueinander passen und zu denen jeder das Gefühl hat, etwas sagen zu können. Dann muss man alles sehen/lesen/hören (das ist nicht nur Vergnügen, vor allem, wenn man nicht eh hauptberuflich Kulturjournalist ist) und am besten noch ein bisschen Material drumherum sichten, damit man alles gut einordnen kann. Dann muss man aufnehmen, schneiden, veröffentlichen und bewerben. It’s a lot. ↩︎

Jesse David Fox: Interviewer meines Herzens

Ich verfolge das Schaffen des Vulture-Comedy-Kritikers und Podcasters Jesse David Fox schon länger, als ich dachte. Hier im Blog findet sich ein Link auf ein Porträt aus seiner Feder über The Lonely Island von 2016. Richtig wahrgenommen habe ich ihn aber erst, als er vor einigen Jahren den Podcast Good One begonnen hat, in dem er Stand-Up-Comedians interviewte und mit ihnen gemeinsam ihre Witze auseinandernahm.

Obwohl ich kein großer Stand-Up-Aficionado bin, habe ich Good One immer gerne gehört, wenn ich die Zeit dafür hatte. Das lag und liegt vor allem an der Art, wie Fox seine Interviews führt. In einem Interview, das er selbst mal gegeben hat, hat er berichtet, wie er sich vorbereitet: Er versenkt sich eine Woche lang im Werk seiner Gegenüber und hört und liest dazu so ziemlich jedes andere Interview, das sie jemals gegeben haben. Ins Interview geht er also mit einem fast schon enzyklopädischen Wissen über sein Subjekt und der Bereitschaft, sowohl sehr breite als auch mikroskopisch detaillierte Fragen zu stellen.

So richtig gut aufgefallen ist mir das mal wieder diese Woche, als ich Good One das erste Mal seit längerem wieder gehört habe, im Interview mit Rhea Seehorn, der Hauptdarstellerin aus Pluribus. Ich war lange der Meinung, dass man mit Schauspieler:innen selten so interessante Interviews führen kann wie mit Regiseur:innen oder Autor:innen, weil ihre Arbeit vermeintlich so wenig im Kopf und so viel im Körper stattfindet. Was sie tun und können ist sichtbar, warum sollte man noch drüber reden? Sie haben selten große Ideen über die Filme, in denen sie mitspielen – das ist auch nicht ihre Aufgabe. Gleichzeitig sind sie im Kreativbetrieb die glamourösesten Figuren, weshalb viele Interviews schnell auf Privates oder Varianten von “Wie ist [andere Person] denn so?” ausweichen. Beides interessiert mich in der Regel nicht.

Dass es auch ganz anders geht, zeigt Fox im Interview mit Seehorn. Er ist obsessiv interessiert an Prozessen, sowohl internen als auch externen. Er will genau wissen, wie Dinge funktionieren und was Menschen dafür tun und dabei empfinden. Ich habe schon lange kein so gutes Gespräch über die Arbeit des Schauspielerns mehr gehört. Einerseits: Welche Erfahrungen, welche Lehren, welche kleine Entscheidungen spielen eine Rolle, damit das entsteht, was wir zu sehen bekommen? Wie entwickelt sich eine Herangehensweise über die Zeit? Aber auch: Wie funktioniert Schauspielerei als Job? Was sind die impliziten und expliziten Regeln der Branche? Wie steht Rhea Seehorn dazu?

Seehorn lässt sich natürlich hervorragend darauf ein. Aber es ist auch ganz klar, dass Fox sich nicht nur auf sie vorbereitet hat, sondern auch immer wieder abgleicht, was er aus vorherigen Interviews gelernt hat.

Den gleichen Zweck erfüllt auch die “Lightning Round” am Ende des Interviews, eine Reihe von Fragen, die er jedem Gast oder jeder Gästin stellt. Warum das so wertvoll ist (und warum es deswegen eine sehr beliebte Kategorie in Podcasts ist), habe ich ebenfalls vor mehr als zehn Jahren schon mal aufgeschrieben. Fox schafft in seinem Podcast im Grunde eine Art qualitative Querschnittsstudie. Hier kommen auch die besonders breiten Fragen ins Spiel: Wer ist der/die beste lebende Schauspieler:in? Wieviel Geld verdienst du und hast du? Wie Menschen auf solche Fragen antworten, sagt oft genauso viel über sie aus, wie das, was sie sagen, wenn sie Fragen über sich gestellt bekommen.

Das Jesse-David-Fox-Modell ist eins, dem ich bei LÄUFT entgegenstrebe. Mir gelingt das selten. Ich habe nur etwa 25 Minuten Interviewzeit und kann mich oft nicht so ausführlich vorbereiten (es ist halt nur mein Nebenjob). Oft führe ich Gespräche mit Menschen über Themen, mit denen sie sich auskennen, und nicht über ihre eigene Arbeit. Aber ich würde diese Prozess- und Arbeits-Interviews gerne viel öfter führen.

Ich habe auch den Eindruck, dass gerade prominentere Menschen dabei oft aufblühen, weil es ihnen wiederum die Möglichkeit gibt, über Dinge zu reden und zu reflektieren, mit denen sie sich wirklich auskennen. Bei Anne Will ist mir das damals ganz gut gelungen, finde ich. Und auch bei Maren Kroymann, die fast schon überrascht war, dass ich sie gefragt habe, wie ihr Writers’ Room funktioniert.

Hier würde mich (wie immer) auch sehr die Meinung meiner Leser:innen interessieren. Lest und hört ihr gerne solche nerdigen Prozess- und “Craft”-Interviews? Würdet ihr gerne mehr davon sehen? Gibt es vielleicht im deutschsprachigen Raum schon Interviewer:innen, die gut darin sind?

Foto von Rosie Kerr auf Unsplash