Mein Kind kommt langsam in das Alter, in dem Fantasy ein dominantes Buchgenre ist. In unserer Bibliothek gibt es eine ganze Sektion für “Middle Grade”-Bücher mit fantastischen Inhalten, angefangen natürlich mit Harry Potter, gefolgt von Woodwalkers, Warrior Cats und Co.1
Guten (Vor-)lesestoff gibt es zum Glück aber auch schon für jüngere Kinder zwischen 5 und 9 Jahren. Man muss ihn nur etwas länger suchen, sonst landet man immer wieder nur bei der Schule der magischen Tiere.
Weil ich die Welt der Kinderliteratur nach wie vor mit meinem Kind entdecke, habe ich in diesem Blogeintrag drei Buchreihen und ein Einzelbuch neuerer Bauart zusammengestellt, die mir in den letzten Jahren am besten gefallen haben.
Wholesome und ideenreich: Lichterland
Eins der größten Probleme moderner Fantasy ist, dass es kaum noch neue Konzepte gibt. Oft trifft man doch nur auf alte Ideen in neuen Umgebungen oder Rekombinationen von Bekanntem. Carolin Jelden ist es in Lichterland gelungen, eine sich tatsächlich frisch anfühlende Welt zu erschaffen. Die Geschichten um die beiden Kinder Karla und Frederik, die gemeinsam Abenteuer erleben, die ihnen die Erwachsenen nicht zugetraut hätten, spielen in einem von hohen Bergen umgebenen Tal. Dieser Umstand führt dazu, dass sich viele Aspekte der Welt um Licht drehen, inklusive der magischen Kreaturen, die in Gegenden wie dem Glimmerwald und dem Blinkenden Moor hausen. Inhaltlich geht es wie meistens um Freundschaft, kluge Ideen und Zuversicht, aber Jelden findet auch gute Blicke auf Klassenunterschiede (Frederik ist ein Prinz) und Wiedergutmachung von alten Fehlern. Uneingeschränkt empfohlen!
Drei Bände: 1. Die Suche nach dem magischen Amulett, 2. Die Reise durch die magischen Berge, 3. Das Geheimnis des schlafenden Drachen. Außerdem gibt es ein illustriertes Bilderbuch, Das kleine Irgendwas, ab 3 Jahren.
Found Family im Bauwagen: Ein Herz für Monster
“Monster, vor dem alle Angst haben, stellt sich bei vorurteilsfreier Betrachtung als ganz nett heraus” ist auch nicht unbedingt eine neue Idee und ein oft wiederholtes Motiv in Kinderbüchern. Was Simak Büchel in seiner Ein Herz für Monster-Reihe hinzufügt, ist eine gute Konstellation an Monsterjäger:innen: Die achtjährige Ainu zieht mit ihrer Mutter in einem Bauwagen durch die Gegend und bietet fantastische Kammerjägerinnen-Dienste an – hat aber das titelgebende Herz (und Verständnis) für die zu jagenden Monster und sorgt dadurch dafür, dass die Bauwagen-Crew langsam immer größer wird. Neben einem kleinen Troll gesellt sich nach dem ersten Band auch der gerettete Junge Halti dazu und so entsteht im Laufe der Zeit eine kleine Wahlfamilie mit interessanten Dynamiken zwischen den Mitgliedern. Ich bin immer Fan von Büchern, die sich nicht nur trauen “starke Mädchen”, sondern auch “empathische Jungs” als Figuren zu etablieren und irgendwie hat Ein Herz für Monster auch mein Herz gewonnen.
Drei Bände: 1. Der Schattenschlinger, 2. Die fliegende Drachengrotte, 3. Tumult im Tal der Trolle.
Mutige Häsin ändert Gesellschaftsordnung: Hilda Hasenherz
Ich suche bei Kinderbüchern immer nach dem gewissen Etwas, das sie vom reichlich vorhandenen Durchschnitt unterscheidet. Bei Hilda Hasenherz von Tobias Goldfarb ist es die Tatsache, dass das Buch sich traut, die Frage “Wie wollen wir unsere Gesellschaft organisieren?” kindgerecht, aber ernsthaft anzugehen. Zwar besteht der Großteil des Buchs aus einer typischen “There, and Back Again”-Abenteuerreise, in der das Hasenmädchen Hilda aus ihrer Gefangenschaft ausbricht, immer mehr Freunde einsammelt und einen Bösewicht besiegt, aber entscheidend ist, warum sie es tut und was danach kommt: Der böse Baron von Ratzezahn lässt Horden von Hasen für sich Möhren ausbuddeln, weil er König anstelle des Königs werden will. Die Hasen – außer Hilda – haben sich diesem Schicksal ergeben. Als der Baron am Ende besiegt ist, wird aber nicht einfach Hildas Freund Prinz Lämpchen auf den Thron gesetzt, sondern die Hasen entscheiden gemeinsam, wie sie ihre Gesellschaft in Zukunft gerecht gestalten wollen. Das Motiv von Ausbeutung, Unterdrückung und der Frage, wie Gerechtigkeit aussieht, zieht sich durch alle Bände. Wer also mit seinem Kind irgendwann mal Gespräche darüber führen will, kann hier eine super Grundlage schaffen.
Vier Bände: 1. Das Abenteuer im Fuchswald, 2. Das Abenteuer auf der Adlerinsel, 3. Das Abenteuer am Drachenfels, 4. Das Abenteuer mit dem Sumpfungeheuer.
Alte Hexen lernen neue Tricks: Malu aus dem Hexenwald
Fantastische Romane, die in unserer Welt spielen, treten gerne in die Falle der “schlechten Nostalgie”, vor allem, wenn sie sich an Kinder richten: Sie idealisieren nicht nur die Unschuld der Kindheit als solche, sondern stellen gerne auch alle Entwicklungen der Moderne als tendenziell negativ dar und kontrastieren sie mit einer mythischen prämodernen Lebensweise, in der Magie die Bequemlichkeits-Lücke füllt. In Malu aus dem Hexenwald lebt die Junghexe Malu genau in einer solchen Welt, einem versteckten Hexendorf im tiefen Wald. Als sie Niklas kennenlernt, dessen Eltern sich im Wald verfahren haben, beschließt sie, die moderne Welt hinter dem Wald zu erkunden. Sie darf nur zurückkehren, wenn sie einen neuen Zauberspruch mitbringt. Der Clou: Dafür muss sie die alte und die neue Welt integrieren. Bettina Obrechts Buch baut diese Idee langsam auf und überrascht die Leser:innen mit der Umsetzung am Ende trotzdem. Nerviges Manko des Buchs: Niklas wird immer wieder überflüssigerweise als übergewichtig, weil zu viele Süßigkeiten essend, beschrieben. Wer vorliest, kann das einfach zensieren.
Bonus-Tipp: Das beste interaktive Buch über eine fantastische Stadt
Mein Kind hat Carp City: Die Stadt des Tanzenden Karpfens vor über einem halben Jahr geschenkt bekommen, und obwohl wir sehr regelmäßig darin lesen, sind wir noch immer nicht damit durch. Das polnische Autor:innen-Paar Aleksandra und Daniel Mizieliński hat hier wirklich etwas Außergewöhnliches geschaffen: Ein analoges Point-And-Click-Adventure, in dem man immer wieder zwischen den Wimmelbuch-ähnlichen Bildern des 50-seitigen Hauptbuchs und einem in Abschnitte gegliederten Geschichtenbuch hin- und herwechselt, Missionen erfüllt, Gegenstände sucht und bei Erfolg Sticker kleben kann. Die Fülle an Ideen, die in Carp Cities in dutzenden Mini-Geschichten sowohl auf der Text- wie auf der Bildebene stecken, ist wirklich bemerkenswert. Dass es nicht viel bekannter und mehrfach preisgekrönt ist, liegt sicher daran, dass es sich in seiner Verspieltheit vor allem an Kinder richtet. Ich würde es aber auch ohne mit der Wimper zu zucken jedem Erwachsenen mit einem Hang zu interaktiver Fiktion empfehlen. Es ist ein gigantischer Spaß!
- Warrior Cats und Woodwalkers werden beide in Staffeln veröffentlicht, wie ich gesehen habe. Das hat mich in ein ganz eigenes Remediations-Rabbithole geführt. ↩︎






